Intrinsische Nachhaltigkeit beschreibt eine geistige Haltung, die Nachhaltigkeit als Handlungsprämisse in sich trägt. Nicht etwa im Austausch für andere Prämissen, sondern als zusätzliche Voraussetzung. Und diese Handlungsprämisse spiegelt sich in allen Entscheidungen wider.


Intrinsische Nachhaltigkeit

Es existieren bereits zahlreiche Ideen, Ansätze und Konzepte – einige davon seit vielen Jahren – die den Weg zur Verwirklichung von nachhaltigen Verhaltensweisen beschreiben. Vielen Menschen scheinen diese jedoch noch unbekannt zu sein. Menschen, die durchaus bemüht um umweltverträgliche Lösungen sind und nach einer nachhaltigen Welt streben oder zumindest zu dieser beitragen möchten. Diese Tatsache hat mich verwundert. Ich hätte vermutet, dass sich viele Menschen mit einer intrinsisch-nachhaltigen Überzeugung, wie ich selbst, auf die Suche nach einer Lösung zu diesem Problem begeben. Und als ich mich für diese Welt geöffnet hatte realisierte ich, wie reich sie bereits war. Ich musste feststellen, dass es nicht um die eine Idee geht, sondern um die Menschen, die von sich aus dazu imstande sind, eine dieser vielen bereits existierenden Ideen umzusetzen.

Um Umweltprobleme in ihrem Verhalten zu berücksichtigen, müssen Menschen eine Reihe von Eigenschaften im inneren ihrer Persönlichkeit entwickeln. Eine solche Persönlichkeit zeichnet sich dann durch eine hohe Komplexität aus. Hieraus lässt sich vermuten, dass Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte einen hohen, wenn nicht gar einen maßgeblichen Stellenwert erfahren sollte. In Übereinstimmung lässt sich sagen, dass die Nachhaltigkeit ein Problem anthropologischer Natur ist. Und um dieses Problem zu lösen, müssen wir einen tiefen Blick in das Innere des menschlichen Wesens werfen.

Intrinsische Nachhaltigkeit entwickeln

Clare W. Graves beschreibt verschiedene Ebenen der menschlichen Existenz – in Spiral Dynamics werden diese als Meme bezeichnet. Diese Ebenen entwickeln sich im Menschen in einer bestimmten Reihenfolge. Jede Ebene bringt dabei ein neues Spektrum an Eigenschaften mit sich, welches zu neuen Verhaltensweisen bei der jeweiligen Person führt. In der Theorie könnte sich nun eine Entwicklungsebene definieren lassen, die es dem Menschen erlaubt, die Belange der Nachhaltigkeit intrinsisch in seinen Handlungen zu berücksichtigen.

In einer Person lassen sich die Entwicklungsebenen nur schwer bestimmen. Das liegt daran, dass für gewöhnlich mehrere Ebenen gleichzeitig in einem Menschen aktiv sind. Darüber hinaus existieren Ansätze, die die menschliche Persönlichkeit in verschiedene Bestandteile aufgliedern, wie die Kognition, Affekte, Moral, Spiritualität und einige weitere. Ken Wilber spricht in diesem Zusammenhang von Entwicklungslinien der Persönlichkeit. Jeder Persönlichkeitsbestandteil existiert dabei auf seiner eigenen Entwicklungsebene. Das bedeutet, dass sich die Persönlichkeit des Einzelnen aus mehreren Bestandteilen unterschiedlichster Ebenen zusammensetzen kann. Hieraus ergibt sich ein durchaus komplexer Untersuchungsgegenstand.

Bestimmte Voraussetzungen oder Erfahrungen können einen Wechsel der Entwicklungsebene begünstigen oder herbeiführen. Allerdings existieren auch verschiedene Hindernisse, die die Weiterentwicklung der Persönlichkeit hemmen oder verhindern. Eines der wesentlichsten Hindernisse in dieser Theorie beschreibt das Ego. Sehr vereinfacht dargestellt, schreibt sich das Ego bestimmte Merkmale als feste Bestandteile seiner Person zu, durch welche es sich identifiziert und an die es sich emotional bindet. Dieser Mechanismus kann zum Stillstand der Persönlichkeitsentwicklung führen und die Erreichung von intrinsischer Nachhaltigkeit vermeiden.

Intrinsische Nachhaltigkeit und Moral

In Bezug auf intrinsische Nachhaltigkeit bildet die moralische Entwicklung des Menschen offenbar ein entscheidendes Kriterium. Die Moral repräsentiert einen Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit. Lawrence Kohlberg definiert 6 Stufen der Moral in einem Modell, welches dem Ebenenmodell der menschlichen Existenz von Graves in seiner Art ähnelt. Die 6. und damit höchste moralische Stufe ist von besonderer Bedeutung. Sie verkörpert eine allgemeingültige und universelle Moral. Das primäre Ziel ist die Gleichberechtigung aller Ansprüche in allen Situationen. Dies beinhaltet die kollektive Verantwortung zur Realisierung und Vermittlung zwischen allen Stufen, das pädagogische Engagement gegenüber den Individuen der niedrigeren Stufen sowie den Selbstanspruch der faktischen Realisierung der sechsten Stufe für das eigene Leben.

Interessant wird es, wenn wir uns die niedrigen Stufen der Moral ansehen. In verkürzter Form definieren sich die präkonventionellen Stufen folgendermaßen: Stufe 1 ist unmittelbar auf Strafe, Gehorsam und Belohnung ausgerichtet. Als gut wird eine Handlung bewertet, mit welcher einer Strafe entgangen werden kann oder welche eine Belohnung erbringt. Auf Stufe 2 ist eine Handlung dann gerecht, wenn dessen Beanspruchung für die beteiligten Parteien möglich ist sowie reziprok zur Vermeidung von Nachteilen oder zum Vorteilsgewinn verhelfen kann. Die Gegenseitige Beziehung ist instrumentalisierend. Vergleicht man die Definitionen beider Stufen mit der Definition der extrinsischen Motivation von Edward L. Deci and Richard M. Ryan, so ergeben sich ähnliche Aussagen: Extrinsisch motiviertes Verhalten hat einen instrumentellen Charakter und dient der Erlangung einer von der Handlung separierbaren Konsequenz. Das Verhalten ist von äußeren Anreiz- und Steuerungsfaktoren abhängig. Das primäre Ziel liegt auf dem Entgehen einer Strafe oder dem Erhalt einer Belohnung.

Intrinsische Nachhaltigkeit - Moral und Verhalten
Intrinsische Nachhaltigkeit – Moral und Verhalten

Mit diesen Beschreibungen im Gedächtnis können wir uns einen Blick nach draußen und in die Belohnungssysteme bei der Arbeit erlauben. Wenn wir beginnen, die Verhaltensweisen in der Geschäftswelt zu untersuchen, kommen wir unter Umständen zum Nachdenken. Es hat für mich den Anschein, dass große Bereiche unserer Wirtschaft nach genau diesen Mustern funktionieren. Belohnungen, beispielsweise, sind die Bezahlung, Status, Respekt, Einfluss oder Macht. Bestrafungen gestalten sich, unter anderem, in der Form von Sanktionen, Entlassung, Degradierung oder Demütigung. Und wenn es stimmt, dass man sich bei der Ausübung dieses Systems hauptsächlich an den Gesetzmäßigkeiten der niedrigsten moralischen Stufen bedient, dann vermute ich hierin eine erhebliche Ursache dafür, dass es uns als Gruppe nicht gelingt höhere Stufen der Moral zu erreichen, die uns intrinsisch zu nachhaltigen Verhaltensmustern befähigen könnten.

Es verlangt nach einem inneren Rahmen

Meiner Meinung nach und unter Berücksichtigung der Theorien von Kohlberg und Deci/Ryan werden extrinsisch auferlegte Regeln und Verpflichtungen nicht ausreichen, um den hohen Anforderungen, die die Nachhaltigkeit an uns stellt, langfristig und im globalen Maßstab gerecht zu werden. Es verlangt nach einem intrinsischen Regelwerk, welches sich in jeder einzelnen Handlung und Entscheidung einer Person widerspiegelt. Nachhaltigkeit als intrinsische Handlungsprämisse. Nun stellt sich die Frage nach dem Personenkreis in unserer Gesellschaft, der über einen solchen inneren Rahmen verfügen sollte? Im Mindesten vermutlich diejenigen Menschen, die die Entscheidungen mit der größten Tragweite treffen. Die Individuen, die die obersten Stufen der herrschenden Machthierarchien einnehmen. Die Manager, Geschäftsführer und Eigentümer in Unternehmen, politische Führer oder kurzum: Diejenigen mit der größten Verantwortung.

Der Mensch muss lernen, sich auf seine intrinsische Wertebene zu besinnen. Abraham H. Maslow definiert, beispielhaft, eine fundamentale Wertebasis, die sich auf keine tiefere Ebene reduzieren lässt. In starkem Kontrast zu diesem Ansatz agieren Unternehmen oftmals anders. Überaus gebräuchlich sind die drei Ebenen der Entscheidung Strategie, Taktik und Operativ. Gemäß des Top-down-Ansatzes legt die Unternehmensführung die Strategie fest und bestimmt damit über die langfristige Ausrichtung der Organisation anhand von globalen Trends, Konjunkturzyklen, Gesetzesinitiativen usw. Das mittlere Management verkörpert die taktische Ebene und stellt sicher, dass die Strategie ihre Übersetzung in kurz- und mittelfristige Arbeitsanweisungen findet. Diese richten sich an die operative Ebene, welche sich mit unmittelbaren Prozessen auseinandersetzt. Jedes einzelne Glied dieser Kette scheint seinen Fokus auf externe Bezugspunkte zu legen.

Wie würde ein innerer Bezugspunkt aussehen? Intrinsische Werte bilden eine ultimative innere Basis. Ist eine Person dazu in der Lage, ihre wahren Werthaltungen in ihre Handlungen zu übertragen, dann würde sie mit Integrität handeln. Das Ergebnis ist eine operative Ebene, die voll und ganz von ihrer inneren Basis aus betrieben würde. Eine vernünftige Wertebene benötigt keine übergeordnete Instanz und macht die strategische Ebene in gewisser Weise obsolet. Eine Strategie ließe sich zwar nach wie vor identifizieren. Sie ergibt sich zwangsläufig aus der Summe aller Handlungen. Allerdings bedarf es keines planenden Organs. In einem solchen idealistischen Ansatz ist eine innere Steuerungseinheit von großer Bedeutung. Das selbstreflektierte Bewusstsein muss kontinuierlich Kontrollschleifen durchlaufen. Und an dieser Stelle wird ein wesentlicher Aspekt erkennbar: ein selbstreflektiertes Bewusstsein, welches Nachhaltigkeit intrinsisch in jedem Entscheidungsprozess berücksichtigt.

Intrinsische Nachhaltigkeit - Wertebene
Intrinsische Nachhaltigkeit – Wertebene

Wie lässt sich so etwas realisieren?

Wie lässt sich intrinsische Nachhaltigkeit erzeugen? Das ist vermutlich die wesentliche Frage. Und ich würde sie gern mit Ihnen diskutieren. Es lassen sich einige Ansatzpunkte und Hebel ausmachen. Und um ehrlich zu sein könnte jeder Einzelne eine individuelle Herangehensweise benötigen in Abhängigkeit seiner aktuell vorherrschenden Entwicklungsebene.

  • Also lassen Sie uns in Kontakt treten und schauen, wohin es uns trägt oder
  • fühlen Sie sich eingeladen, Ihren eigenen Weg mithilfe der verschiedenen Texte zu beschreiten.

Und noch kurz zu mir: Bitte erwarten Sie keinen Berater. Ich bin (noch) kein Berater und war auch noch nie als einer tätig. Was ich für Sie sein könnte, wäre ein Ratgeber, Begleiter oder vielleicht nur ein Diskussionspartner. Online oder persönlich.

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